Aktuelles

10. September 2019

Kulturdebatte

rbbKultur-Radio im Umbruch

Im rbb und unter Kulturleuten wird diskutiert: Wie geht es mit dem rbbKultur-Radio weiter? Ab 2021 wird der Etat um eine Million Euro gekürzt.

 

 

Zuletzt wurde öffentlich Kritik an dieser Einsparung laut: Eine Initiative von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des RBB-Kulturradios wendete sich mit einem offenen Brief an ihre Intendantin und mit einem Protestschreiben an Mitglieder des Rundfunkrates. Die Initiative warnt vor Folgen einer Kürzung von „20 Prozent des Programmetats und jährlich rund 4000 journalistischen Beiträgen über gesellschaftliche Debatten, über Bildung und Stadtentwicklung, Musik und Film, Theater und Literatur“. So werde "die Kultur beim RBB zusammengespart" und die Änderung vor allem freie Mitarbeiter treffen.

 

Rbb-Intendantin Schlesinger reagierte zugleich auf die Sorgen der Initiative: „[…] Der RBB hat alle internen Veränderungsprozesse bislang sozial verträglich gestaltet und wird es auch in diesem Fall tun.“ Und weiter: „Einsparungen erwarteten den gesamten Rundfunk Berlin-Brandenburg, die Redaktion von rbb-Kultur sei jedoch die erste, die sich dem „wichtigen und unausweichlichen Prozess“ stelle, sagte Schlesinger

 

Auch beim HR zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Die geplante Umstrukturierung vom Kultursender hr2 zum Klassiksender stieß auf viel Kritik.

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Wir haben bei Menschen aus Berliner und Brandenburger Kultur nachgefragt: Wie stellen Sie sich ein zeitgemäßes Kulturradio vor?

 

André Nicke, Intendant Uckermärkische Bühnen Schwedt

"Ein Radio, das breiter interessieren sollte, sollte ein Radio sein, das nach draußen geht, das Atmosphäre atmet, das aus ALLEN Regionen berichtet, das seinen „A...  hochkriegt", das dran ist, das polarisiert – weg vom „Gepflegt sein", weg vom „intellektuell Wohlgesetztem" – dennoch mit breit aufgestelltem Bildungskanon im Hintergrund. Eingeführte Formate sollten in anderen Kontexten Spannungen erzeugen. Expertengespräche (wie Interpretationsvergleiche) bleiben im Elfenbeinturm, sollten aber auf die Straße. So mancher Hochmut gegenüber selbst eingestufter „Trivial- oder Populärkultur" muss fallen. Wir brauchen ästhetische Alphabetisierung von A bis Z. Es braucht Moderatoren, die brennen und begeistern (und nicht beim Bericht über die Orgeln der Uckermark selbst einschlafen). Das Radio braucht mehr kenntnisreiche Kritiker!


UND: ein solches Radio sollte akzeptieren, dass es Unterschiede zwischen Stadt (Großstadt) und dem ländlichen Raum gibt. Nicht „zukleistern", sondern die Unterschiede aufzeigen. Unterschiedlichkeiten sind ein Mehrwert. Und auch nur so findet sich der Hörer wieder. Das Gefühl des Abgehängt Seins der Menschen (Hörer) im ländlichen Raum kommt auch im überproportionalen Fokus des Radios auf städtische Themen und Veranstaltungshinweise zustande."

 

Alice Ströver, Geschäftsführerin Kulturvolk Freie Volksbühne Berlin e.V.

"Was Berlin nicht braucht ist eine weitere "Klassikmusikabspieldudelwelle", die es bereits on Air und übers Internet genügend gibt. Wer ein öffentlich-rechtliches Radioprogramm betreibt, das den Namen "Kultur" im Titel trägt, muss einen anderen Auftrag erfüllen:

 

  • Aktuelle Berichterstattung über das lokale, regionale, nationale und internationale Kulturgeschehen;
  • Zeitnahe Kritiken zu Premieren in Berlin und Brandenburg abliefern (Es wäre schön, mal wieder etwas z.B. über die Neue Bühne Senftenberg zu hören etc.);
  • Die Kulturpolitik im Blick haben, Hintergrundrecherchen betreiben und in interessanten Beiträgen veröffentlichen;
  • Neues in allen Kunstsparten aufzuzeigen;
  • Das Radioformat "Streitgespräch" wieder erfinden;
  • Gute Musik präsentieren und erklären (die "klassischen" Klassiker allein sind das bestimmt nicht nur);
  • "Kulturmenschen" auf Seiten der Macher und des Publikums vorstellen und und und..."

 

Thomas Liljeberg-Markuse, Geschäftsführer FEZ-Berlin

"Ich finde es toll, dass das rbb-Kulturradio sehr regional berichtet und dabei auch explizit Themen der Kulturellen Bildung behandelt. Da sind Sie am Puls. Gleichzeitig zielen Sie mit dem Kulturradio auf eine eher ältere Hörerschaft. Hier sollten Sie mutiger sein, schon bei der Musikauswahl, die sehr getragen und ein wenig zu alt ist. Mir hat die Programmreform von Deutschlandradio Kultur gut gefallen: ein sehr breiter Kulturbegriff umfasst auch Themen aus der Religion, Geschichte, Bildung usw. Und die Musik geht mutig nach vorn, frisch, modern, aber immer einen halben Schritt neben dem Mainstream. Die haben mich von Radio1 wegbekommen.

Kulturradio muss nicht hip sein, aber auch nicht alt."

 

Gabriel Zinke, Direktor Konservatorium Cottbus

" 'rbb Kultur' ist ein bemerkenswert guter Sender, gleicherweise dem Populären wie dem Anspruchsvollen in musikalischer Hinsicht verhaftet.

Allerdings, so meine ich, sollte der Blick auf die Musikschulen des Landes in künstlerischer-(besondere Konzerte, "Jugend musiziert" etc.), aber auch in kulturpolitischer Akzentuierung (z.B. Novellierung Musikschulgesetz...) intensiviert werden und dem Anspruch auf Regelmäßigkeit genügen.

Gleichzeitig sollten derartige Sendungen, am besten zu fest planbaren Sendezeiten (auch als Podcast über Internet), für junge Eltern/Familien Anregung und Beratung sein, um sich für ihre Kinder auf das Abenteuer Musikschule einzulassen."

 

Philipp Harpain, Leiter des GRIPS Theaters Berlin

„Als Kinder- und Jugendtheatermacher bekomme ich täglich die Kraft der Kultur mit und genau deswegen bin ich sehr dankbar für einen Sender, der sich exklusiv um die Kultur kümmert. Ausgerechnet hier zu kürzen, fände ich mehr als fatal. Erst recht in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus, dem wir unbedingt eine starke Kultur entgegensetzen müssen.

Was wir hier in Berlin, der Kulturhauptstadt, brauchen, ist ein finanziell stark aufgestelltes Medium für Kultur, das seine Journalist*innen gut ausstattet und genug Produktions- und Sendezeit gibt, so dass gut recherchierte, umfassende und vielfältige Berichterstattung über die Kultur in Berlin und Brandenburg möglich ist, dass Macher*innen (weiterhin) gut zu Wort kommen, dass inhaltlich in die Tiefe gegangen werden kann, dass kontroverse Gespräche geführt werden, dass auch Zeit dafür ist, Hintergründe gut zu beleuchten und Einblicke zu geben. Nicht jede*r in Berlin und Brandenburg kann sich die Teilhabe an Kultur leisten, eigentlich ein Grundrecht, ein sehr gut aufgestelltes Radio für Kultur würde helfen. Nicht zu vergessen, dass ja ein wesentlicher Auftrag des RBB die Teilhabe an Kultur, Bildung und Information ist.

In den letzten Jahrzehnten ist so viel in den Feuilletons gekürzt worden, dass nicht nur mangels Platzes, sondern auch mangels Zeit und Personal die Qualität und inhaltliche Vielfalt im Print, Hörfunk und TV stark gelitten hat. Dem sollte sich der RBB widersetzen und sich weiterhin ein gut aufgestelltes Kulturradio leisten, egal, was es kostet. Nicht zu vergessen: Mit einem Radio exklusiv für die Kultur hat der RBB ein Alleinstellungsmerkmal in der Hörfunklandschaft.

Und in die Zukunft gedacht: Selbstverständlich darf das Kulturradio nicht verpassen, sich inhaltlich und ästhetisch beständig zu erneuern und attraktiv auch für jüngere Zuhörer*innen zu werden. Das betrifft nicht nur die Formen der Berichterstattung und die Musikauswahl, sondern ebenso die Themen. Kultur für Kinder und Jugendliche, Kulturelle Bildung, Jugendkultur sind beispielsweise Themenschwerpunkt, die nicht nur ein Theater, sondern auch einen Sender jung halten.“

 

Martin Wölffer, Intendant Komödie am Kurfürstendamm

„Als Theaterchef denke ich natürlich daran, was in Bezug auf RBB Kultur wichtig für das Theater ist. Rezensionen und Hintergrundberichterstattung zu Inszenierungen und kulturpolitischen Entwicklungen, aber auch Interviews mit Regisseuren und Protagonisten finde ich unverzichtbar. Und natürlich lebt so ein Sender von der Vielfalt der Stimmen der unterschiedlichen Moderatoren. Auch Hörspiele und Lesungen, wie zum Beispiel die von "Unterleuten" muss es weiter geben. Eine Sendung wie "The Voice" am Abend möchte ich auf keinen Fall missen.“

 

Manuel Soubeyrand, Intendant Neue Bühne Senftenberg

„Nach den Wahlen vom 1.9.19 waren der Schrecken und die Ratlosigkeit groß. Wie kann es geschehen, dass so viele Menschen sich von den demokratischen Parteien, von pluralistischen, empathischen und humanistischen Idealen weg, zu Parteien hinwenden, denen es gerade daran mangelt? Die sich eine Wende auf die Fahne schreiben, deren programmatische Aussagen aber mit all dem, für das wir vor 30 Jahren auf die Straßen gegangen sind, nichts zu tun hat. Da wird diskutiert über die abgehängten Regionen, über die Sorgen vor der Zukunft und all diese wichtigen und gewichtigen Fragen. Und in diesen, für die Zukunft unseres Landes so entscheidenden Zeiten, beschließt ein öffentlich-rechtlicher Sender, seinen Etat für das rbbKultur-Radio um 1 Million Euro im Jahr zu kürzen.

Ihr lieben Verantwortlichen, Ihr wisst doch, in welchen irrsinnigen und gefährlichen Zeiten wir leben. Da dürft Ihr als 4. Gewalt in der Demokratie nicht kürzen, Euch nicht demontieren, Euch und damit die Demokratie schwächen! Stärken müsst Ihr Euch! Verspielt nicht unsere Zukunft!

Sicher, Eure Redakteur*innen, die festen und freien Mitarbeiter*innen, die werden wissen, was Ihr verändern und verbessern müsst. Ihr Chefs, Ihr Politiker, hört einfach auf Eure Fachleute. Auf einem Wahlplakat der AfD stand “Abschaffen der Gebühren für die Öffentlich-rechtlichen Sender“, ich bin erschrocken, dass Ihr das so schnell beginnt umzusetzen.“

 

Thomas Falk, Geschäftsführer Musikkultur Rheinsberg

„Kultur ist Vielfalt. Besonders im ländlichen Raum ist die Identifikation mit Kultur vor Ort wichtig - in ihrer Gesamtbreite, vom Kirchenchor bis zum großen Festival. Das Kulturradio "rbbKultur" kann sichtbar machen, was Brandenburg zu bieten hat.“

 

Prof. Dr. Andreas Nachama, Direktor Stiftung Topographie des Terrors

„Ich höre täglich zwischen 7 und 8 Uhr morgens RBB-Kultur und finde die Konzertrezensionen und Beiträge sehr interessant. Klassische Musik auf RBB ist oft mein Begleiter, wenn ich im Berliner Raum Auto fahre. Die Mischung aus kurzen kulturellen Wortbeiträgen und klassischer Musik ist für mich der Kern von RBB-Kultur neben den stündlichen Nachrichten. Konzerte am Abend und die leider nicht mehr vorhandene "Musica Sacra" am Sonntag sind das Sahnehäubchen.“

 

Matthias Schulz, Intendant Staatsoper Unter den Linden

"Kultur braucht unbedingt einen zentralen Platz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk! Dabei sind gerade journalistische Wortbeiträge – und nicht nur Musik – wichtig, um Diskussionen anzustoßen, über das kulturelle Leben und Entwicklungen zu informieren sowie gesellschaftliche Themen zu reflektieren. Ein Ausbau des Digitalangebots, um jüngere Menschen anzusprechen und Kontakt auf vielfältige Weise herzustellen, ist wichtig, es sollte aber nicht als Ersatz für den Hörfunk gesehen werden, sondern als Ergänzung."

 

Dietmar Schwarz, Intendant Deutsche Oper Berlin

„Damit ein 'Kulturradio' seinen Namen verdient, sind kluge, kritische Köpfe gefragt, die das Kulturleben der Region begleiten mit Recherchen, Interviews, Diskussionsrunden, Rezensionen und dem, was die aktuelle Berichterstattung interessant macht. Der 2. Grund, weshalb mich Kulturradio an sich bindet, ist das Angebot, durch ausführlichere Sendereihen und Lesungen tiefer in ein Thema einsteigen zu können. Dass dazwischen gute Musik gespielt wird, erwarte ich - wenn wir mit "Best of"-Häppchen im Stil der kommerziellen Sender abgespeist werden, lässt die Attraktivität deutlich nach. Sie merken, ich starte mit Kulturradio in den Tag, aber das gegenwärtige Niveau sollte sein Mindestanspruch sein - und bleiben!“

 

 

 

Janika Gelinek und Sonja Longolius, Leiterinnen des Literaturhauses Berlin

„rbbKultur ist ein wichtiger Partner für das Literaturhaus Berlin. Seit 1996 loben wir gemeinsam den Walter-Serner-Preis für Kurzgeschichten aus und verleihen jedes Jahr den mit 5.000€ dotierten Preis an eine Autorin oder einen Autoren, so z.B. 1999 an David Wagner für seine Kurzgeschichte »Die Entwicklerwanne«, oder 2018 an Isabella Straub für »Sibirien«.

Ebenfalls regelmäßig finden bei uns gemeinsame Veranstaltungen mit rbb »Das Forum« statt, so wieder am 14. November 2019, wenn wir im Rahmen der Jüdischen Kulturtage und in Gedenken an Rosa Luxemburg mit spannenden Gästen über »Jüdisches Ankommen in Berlin - damals und heute« sprechen werden. Aber auch diesseits vom Literaturhaus kümmert sich rbbKultur um das kulturelle Leben in unserer Stadt. Dieses vielfältige Angebot und die produktive Zusammenarbeit von rbbKultur und Literaturhaus Berlin wäre bei derart drastischen Kürzungen gefährdet, wogegen wir entschieden protestieren möchten.”

 

 

 

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(Zuletzt aktualisiert am 27.09.2019)