Homebase

Rückhalt für die Auslands-Reportage

Der Presseausweis ist gestohlen, wichtiges Bildmaterial beschlagnahmt, eine Botschaft verweigert die Akkreditierung. Oder ein Journalist wird beim Ausüben seines Berufs entführt, festgenommen und bedroht: Auf einer Recherche-Reise im Ausland - nicht nur in Krisengebieten - kann so ziemlich alles passieren. Doch wer kümmert sich in Berlin um Kolleginnen und Kollegen in Notsituationen?

Hier bietet der JVBB für seine Mitglieder einen besonderen Service: Die "Homebase" als unabhängigen Rückhalt für Kollegen im Auslands-Einsatz.

Das Grundprinzip ist wegen der Fülle denkbarer Zwischenfälle bewusst einfach aufgebaut:

Schritt 1

Zunächst nimmt ein Journalist oder Journalistin vor Beginn seiner Auslands-Recherche Kontakt mit der "Homebase" des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg e.V. auf - am besten formlos per E-Mail an mailto:homebasespamfilter@jvbb-onlinespamfilter.de. Er oder sie informiert uns dabei über Ziel, Zeitraum und Zweck seiner Reise. Damit ist im Zweifelsfall zumindest bekannt, wo sich der Reporter gerade ungefähr aufhält.

Schritt 2

Vor seiner Abreise werden bei uns Kopien der wichtigsten Reiseunterlagen hinterlegt. Das sind konkret: Reisepass (evtl. mit Visum), internationaler/nationaler Presseausweis, evtl. Impfbuch, Flug- oder andere Tickets, Reise-Versicherung (Krankheit, Gepäck, Ausrüstung), ein aktuelles Foto, wichtige Telefonnummern.

Sämtliche Informationen werden vertraulich behandelt, geschützt und nur im Notfall genutzt.

Mit den Unterlagen können wir von Berlin aus beim Beschaffen von Ersatzpapieren, zum Bestätigen der beruflichen und persönlichen Identität im Ausland oder anderer Probleme bei den hier ansässigen Botschaften und zuständigen Ämtern aktiv werden und helfen. Oder im Zweifelsfall - nach vorheriger Absprache - an die Öffentlichkeit gehen.

Wenn Sie Näheres über die Homebase wissen möchten, geben wir Ihnen gerne weitere Informationen unter folgender E-Mail-Adresse: mailto:homebasespamfilter@jvbb-onlinespamfilter.de.

Bilanz

Kurz nach Gründung des Vereins Berliner Journalisten [...] startete auch die "Homebase" als neuer Service für unsere Mitglieder. "Das bewusst einfach aufgebaute und flexible Prinzip hat sich bisher sehr gut bewährt", zieht Tobias von Heymann als Initiator jetzt Bilanz. Eine knappe Hand voll Kolleginnen und Kollegen hat das Angebot bislang als präventive Sicherheitsmaßnahme genutzt - glücklicherweise musste aber noch niemand aus einer wirklich brenzligen Situation herausgeholt werden. Die bis heute längste Homebase-Betreuung nutzte der freie Auslandskorrespondent Henning Gloystein, der erst kürzlich von einer halbjährigen Kolumbien-Recherche zurückkehrte. "Da Kolumbien für Journalisten einige Risiken birgt und es äußerst schwierig ist, verlorene Dokumente ersetzt zu bekommen oder an abgelegenen Orten mit der Botschaft Kontakt aufzunehmen, waren meine Familie und ich besonders dankbar für den Homebase-Service des Vereins Berliner Journalisten. Ein amerikanischer und britischer Kollege waren von ihm so beeindruckt, dass sie sich seit ihrer Rückkehr für einen vergleichbaren Backup-Service in ihren Journalistenverbänden einsetzen", schreibt Gloystein in seinem Erfahrungsbericht (siehe unten).

Rückblick auf ein halbes Jahr freie Berichterstattung

Von Henning Gloystein

Mit Kolumbien verbinden Außenstehende meist Drogen, Guerilla und ausufernde Korruption. All das stimmt, denn das Land kontrolliert über 70 Prozent des weltweiten Kokainhandels und mit der FARC (revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) kommt eine der größten Rebellengruppen der Welt aus Kolumbien. Der vorletzte Präsident des Landes, Ernesto Samper (1994 bis 1998), finanzierte seinen Wahlkampf mit Drogengeldern und musste trotzdem nicht zurücktreten, und die drei Metropolen des Landes - Bogotá, Cali und Medellín - befinden sich ganz oben auf der Liste der gefährlichsten Städte der Welt.

Aber Kolumbien hat auch gute Seiten. Das Land hat die dritthöchste Pflanzen- und Tiervielfalt der Welt und auch wirtschaftlich hat es viel zu bieten. Seine ausgeprägte produzierende Industrie macht Kolumbien zur viertstärksten Wirtschaftskraft Lateinamerikas und trotz des Jahrzehnte alten Konflikts gilt die kolumbianische Demokratie als eine der ältesten und stabilsten des südlichen Kontinents. Mit Schriftstellern wie García Marquez, Musikerinnen wie Shakira und Künstlern wie Botero hat Kolumbien auch kulturelle Größen von Weltrang.

1999 war ich das erste Mal in Kolumbien, um Freunde zu besuchen. In dieser Zeit habe ich nur die schönen Seiten des Landes, die Natur und die Menschen mit ihrer typisch lateinamerikanischen Lebenslust kennen gelernt. Zwei Jahre später kehrte ich als Praktikant für die kolumbianische Tageszeitung El País für drei Monate nach Cali zurück. Hier sah ich erstmals das hässliche, gewalttätige und arme Kolumbien, das sich seit Jahrzehnten innerlich zerfleischt. Aber es war auch diese lehrreiche Zeit, in der ich Freunde fürs Leben machte und wichtige Kontakte auf journalistischer und politischer Ebene knüpfen konnte. Deshalb beschloss ich, nach Beendigung meines Studiums wieder nach Kolumbien zu reisen, um eine Karriere als Journalist zu beginnen. Von Januar bis Juli arbeitete ich als freier Foto- und Printreporter mit Basis in Cali.

Meine Hassliebe zu diesem so widersprüchlichen Land hat sich durch meine Arbeit dort ein weiteres Mal verstärkt. Während Recherchereisen an die entlegenen Grenzen des Landes - in das Amazonasbecken nahe Brasilien, in die Savanne der Llanos nahe Venezuela und in die Anden an der Grenze zu Ecuador - traf ich auf wohlhabende und zufriedene Fischer, von der Guerilla verfolgte Amazonasindianer und gelangweilte Grenzsoldaten. In Cali verbrachte ich die furchtbarste Nacht meines Lebens als ich die Polizei auf Nachtstreife durch die riesigen Slums der Stadt begleitete und innerhalb weniger Stunden ein halbes Dutzend Menschen vor meinen Augen starben. Gefährliche Momente waren auch, als ich mich während einer Busreise von einer Guerillapatrouille freikaufen musste, um nicht entführt zu werden, oder als ich mich nur zwei Stunden vor einem Mörserangriff der Farc zufällig zu Interviews in einer Kleinstadt in Südkolumbien aufhielt.

Viel schöner war es, in Cali einen lebensfrohen alten Musiker zu treffen, dessen größtes Glück es war, in den 80er Jahren von Francois Mitterrand als "bester Marimba-Trommler der Welt" ausgezeichnet worden zu sein. Ebenfalls hier traf ich während Dreharbeiten zu einer Dokumentation über den Bürgerkrieg auf zwei dicke Freunde, die sich nur ein Jahr zuvor als Todfeinde in Guerilla und den Paramilitärs mehrfach in Gefechten gegenüber gestanden hatten. Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit bestand aus Interviews mit führenden Leuten aus der Wirtschaft und mit Ministern sowie dem kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe. In Deutschland erschienen meine Beiträge bislang in der Financial Times Deutschland, dem Tagesspiegel und der Frankfurter Rundschau. Bei vielen dieser Reisen und Interviews wurde ich von dem erfahrenen freien Journalisten Lars Borchert (ebenfalls Mitglied des Vereins Berliner Journalisten) begleitet, der für drei Wochen mit mir gemeinsam in der Hauptstadt Bogotá und im Amazonasdschungel arbeitete.

Da Kolumbien für Journalisten einige Risiken birgt und es äußerst schwierig ist, verlorene Dokumente ersetzt zu bekommen oder an abgelegenen Orten mit der Botschaft Kontakt aufzunehmen, waren meine Familie und ich besonders dankbar für den "Homebase"-Service des Vereins Berliner Journalisten. Ein amerikanischer und britischer Kollege waren von ihm so beeindruckt, dass sie sich seit ihrer Rückkehr für einen vergleichbaren Backup-Service in ihren Journalistenverbänden einsetzen.

Heute, einen Monat nach meiner Rückkehr nach Deutschland und sechs Monate nach meinem Einstieg in die freie Auslandskorrespondenz, blicke ich wieder einmal zwiespältig auf Kolumbien zurück. Wieder habe ich neue Freundschaften geschlossen und wunderbare Dinge erlebt, aber erneut auch Dinge gesehen, die ich am liebsten vergessen würde. Trotzdem werde ich noch oft nach Kolumbien zurückkehren, um dort zu arbeiten und Freunde zu besuchen. Kolumbien ist zu einer zweiten Heimat geworden, eine Hassliebe eben.

Zur Person:

  • Henning Gloystein, Jahrgang 1977
  • Studium der Geschichte, Politik und Wissenschafts- Technikgeschichte an der HU und TU in Berlin. Abschluss 2004
  • Freie Mitarbeiten und Praktika seit 1995
  • Seit Anfang 2005 freier Journalist und Fotograf
  • bisherige Veröffentlichungen in 2005:
  • El Colombiano, El País (Colombia), Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel
  • Produzent der Fernsehdokumentation "Unsichtbare Spuren" (voraussichtliche Fertigstellung 11/2005)
  • Autor des Buches "Tres Fronteras/Three Borders" (Fotoreportagen über entlegene kolumbianische Grenzgebiete; Veröffentlichung in Lateinamerika 10/2005)
  • Kontakt: henning.gloysteinspamfilter@gmailspamfilter.com, mobil: +49 -160 -966 14 312