Interkulturelles Netzwerk

Minou Amir-Sehhi Foto: Dietmar Gust

Die Veranstaltungen des Netzwerks sind für alle Interessierten offen. Als Mitglieder sprechen wir vor allem Journalistinnen und Journalisten mit interkulturellem Hintergrund an.

Wer Migrant der ersten, zweiten, dritten Generation ist oder aus einer binationalen Familie kommt, melde sich bitte bei der Koordinatorin Minou Amir-Sehhi (www.minou.tv) unter info(at)minou.tv 

 

 

BERICHTE AUS DEM NETZWERK

(27.01.2017) Islamberichterstattung: zwischen Verharmlosung und Rassismus

JVBB-Roundtable zum Thema "Islamberichterstattung: zwischen Verharmlosung und Rassismus", Foto: Daniel Falk/JVBB

Interkulturelles Netzwerk des JVBB hat eingeladen und sehr viele kamen

Der Seminarraum des JVBB platzte am Mittwoch aus allen Nähten Über 60 Mitglieder und Interessierte waren gekommen.  Journalisten suchen offenbar nach wie vor Orientierung  beim Thema Islamberichterstattung.  Das neue „Journalistenhandbuch zum Thema Islam“, das Mitautor Prof. Werner Schiffauer, Migrationsforscher und Vorsitzender des Rat für Migration kurz vorstellte, soll Hilfestellung für Journalisten geben, die keine Experten im Thema sind.

Wie können unter Zeitdruck und Platznot arbeitende Journalisten ein realistisches Islambild vermitteln? Sollte in der Berichterstattung überhaupt auf Nationalitäten oder religiöse Hintergründe  verwiesen werden, fragte Moderatorin Minou Amir-Sehhi. Genau hinsehen, keine Klischees bedienen, keine Negativbilder verbreiten, neutrale Begriffe verwenden,  waren Ergebnisse der Diskussion. Gebraucht wird eine gemeinsame Normalität, resümierte Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung.

Schaut man in das neue Handbuch finden sich die Hinweise, Journalisten sollten keine Islamstereotypen wie Gewaltbereitschaft, Unterdrückung der Frau oder Bildungsferne von Moslems verbreiten, ebenso wenig  sollten muslimische Erfolgsgeschichten präsentiert werden . „Zu kritisieren ist nicht nur“, heißt es im Handbuch, „dass Medien Muslime häufig in die Negativ-Kategorie einordnen, sondern dass sie überhaupt in Bezug auf Muslime eine Kategorisierung in negativ und positiv vornehmen, statt Muslime wie andere Menschen auch in ihrer je eigenen Individualität wahrzunehmen.“ 

Kontrovers wurde die Aussage Daniel Bax diskutiert, der vergangenes Jahr sein Buch "Angst ums Abendland" an gleicher Stelle vorgestellt hatte: Der Islam werde zu Unrecht immer mit Problemen gleichgesetzt.  Der Islam habe massive Probleme,  warf der ehemalige ARD-Korrespondent in Algerien,  Samuel Schirmbeck, ein. „Muslime sind Menschen wie wir alle, aber was richtet der Islam mit den Menschen an?“, fragte Schirmbeck. Er verwies auf Interviews mit kritischen Muslimen in seinem Buch „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“. 

Das „Journalistenhandbuch zum Thema Islam“ kann kostenlos als pdf heruntergeladen werden: (https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Handbuch_Islam.pdf).

Informationsquelle für Fakten und mögliche  Ansprechpartner bietet auch das Portal vom Mediendienst Integration (www.mediendienst-integration.de). 

C. Kolmar

 

 

(27.01.16) Roundtable des Interkulturellen Netzwerks: „Angst ums Abendland“!?

Großes Interesse bei der Buchvorstellung und Diskussion mit Autor und taz-Redakteur Daniel Bax.
Daniel Bax, Fotos: Daniel Falk, JVBB

Buchautor und taz-Redakteur Daniel Bax stellte gestern beim JVBB seine These vor: „Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" – Untertitel seines gerade erschienenen Buches „Angst ums Abendland“. Die aktuelle Diskussion angesichts zunehmender Gewalt, auch gegen Journalisten, hatte mehr als 30 Zuhörer in die Räume des JVBB gelockt. Bax startete mit der Lesung seines Kapitels über die neuen Rechtspopulisten, die sich als „Islamkritiker“ bezeichneten. Er nennt sie „falsche Antifaschisten“, weil sie die Öffentlichkeit vor die – falsche – Alternative „Antifaschismus oder Appeasement“ stellten.

Beim sehr gemischten Publikum – eingeladen hatte das Interkulturelle Netzwerk des JVBB – führten seine Thesen bisweilen zu angeregten Debatten, ob es um die Un- bzw. Freiwilligkeit des Kopftuchtragens ging oder um die Gründe für die weit verbreitete Angst vor Muslimen. Sind es (nur) die Medien, die irrationale Ängste verbreiten? Hat sich die deutsche Gesellschaft in großen Teilen auf den Islam als Feindbild geeinigt – wie auf das Judentum im 19. Jahrhundert?

Minou Amir-Sehhi - Organisatorin und Moderatorin des Abends - hatte noch eine weitere Autorin eingeladen und bat sie, Stellung zu beziehen: Sineb El Masrar (ihr jüngstes Buch „Emanzipation im Islam“ erscheint in wenigen Tagen bei Herder) kritisierte, dass in der deutschen Öffentlichkeit ganz unterschiedliche Lebensläufe „über einen Kamm geschert“ würden: „von Export-Bräuten bis Studentinnen“. Dafür gab es viel Zustimmung und die Ergänzung durch Cicek Bacik, Organisatorin der Vortragsreihe "Daughters and Sons of the Gastarbeiters“: Sie berichtete über die Lesungen von Vertretern der zweiten Einwanderergeneration, die mit der Erzählung ihrer persönlichen Geschichte auch das Selbstverständnis der Einwanderer in der deutschen Gesellschaft festigen wollen. 

Vom afrikanischen Waisenkind zum MdB

Seit der Bundestagswahl gibt er täglich Interviews, am 25. November 2013 war er beim Interkulturellen Netzwerk des JVBB zu Gast: Dr. Karamba Diaby, erster afrikanischstämmiger Bundestagsabgeordneter. Im vollen Veranstaltungsraum der JVBB-Geschäftsstelle erzählte Karamba Diaby seinen Werdegang vom afrikanischen Waisenkind zum promovierten Chemiker in der DDR und schließlich zum Bundestagsabgeordneten der SPD: Er sei der lebende Beweis für Chancengerechtigkeit, sagt der gebürtige Senegalese: Mit einem Stipendium konnte er in Halle an der Saale studieren. Bildung für alle – das ist auch jetzt als Politiker sein Herzensthema: Er hofft, dass die SPD-Fraktion ihn in den Ausschuss für Bildung und Forschung delegiert.

Daneben ist Integration sein großes Thema – dafür hat er sich die letzten 20 Jahre eingesetzt, zuletzt als Referent bei der Integrationsbeauftragten von Sachsen-Anhalt. Mehr Menschen mit Migrationsgeschichte sollen in alle Bereiche, von der Politik bis zum öffentlichen Dienst. Im Bundestag sitzen nur etwa vier Prozent nicht deutschstämmiger Politiker – in den deutschen Kommunalvertretungen sieht es ähnlich aus.

Rund 80 Interviews hat Karamba Daiby seit seiner Nominierung für die Bundestagswahl gegeben. Nicht unwahrscheinlich, dass er damit Spitzenreiter unter den 631 Abgeordneten ist. Dass er jetzt zum "Objekt" der Berichterstattung geworden ist, hat der 52-Jährige geschickt für sich genutzt, um seine politischen Ziele den Journalisten nahe zu bringen: Bildung für Alle, Mindestlohn und Rentenangleichung von Ost und West. Alles Anliegen, die besonders für seine Wahlheimat Halle relevant sind.

Die Hallenser kennt der Chemiker gut – nach den Recherchen für seine Dissertation ("Schadstoff und Nährstoffgehalt hallescher Kleingärten") zählt er noch heute einige Schrebergärtenbesitzer zu seinen Freunden, und weil er auch neben seinem Bundestagsmandat weiter Stadtrat in Halle bleibt, wird er mit dem Thema noch lange zu tun haben: Wegen der Abwanderung aus Halle finden immer mehr Schrebergärten keine Pächter mehr. Karamba Diaby hätte durchaus gerne einen eigenen Garten – aber dafür reicht seine Zeit nicht.

 

Fotos: Alexander Müller
Minou Amir-Sehhi im Gespräch mit Dr. Karamba Diaby

Besuch bei den Nordischen Botschaften

Ein Gang durch das bemerkenswerte architektonische Ensemble der fünf nordischen Botschaften und ein Gespräch mit der Botschafterin von Finnland waren die Höhepunkte des Besuchs von Mitgliedern der Partnerverbände DJV Berlin und JVBB am 14. März 2013, den das Interkulturelle Netzwerk des JVBB organisiert hatte.

Wer das geschwungene grüne Kupferband der Nordischen Botschaften am Rande des Tiergartens sieht, ahnt nicht, dass sich dahinter, um eine Plaza herum,  fünf kleinere Gebäude verbergen – jedes im eigenen architektonischen Stil, aber alle mit viel Glas und unterschiedlichen Hölzern ausgestattet. Längst ist der Gebäudekomplex zu einer touristischen Attraktion Berlins geworden, denn im Unterschied zu anderen Botschaften ist das zentrale Felleshus („Gemeinschaftshaus“) auch für die Öffentlichkeit zugänglich, mit kulturellen Veranstaltungen und einer vorzüglichen Kantine.

Warum ein gemeinsamer Botschaftskomplex von Nachbarländern, in anderen Regionen der Welt wäre das undenkbar? Die erste Frage an Finnlands Botschafterin Päivi Luostarinen, die die Koordinatorin des Interkulturellen Netzwerkes, Minou Amir-Sehhi, stellte, war schnell beantwortet: natürlich um Kosten zu sparen – aber auch weil die nordischen Länder auf diese Weise in Berlin präsenter sind. Bei gemeinsamen Terminen zum Beispiel im Auswärtigen Amt würden ihre Diplomaten „ganz anders wahrgenommen“. Es ist die historische und kulturelle Nähe der skandinavischen Länder untereinander, die ein gemeinsames Auftreten, Seminare und Kulturveranstaltungen möglich macht. Auch wenn die fünf Länder nicht alle in der EU sind und jedes eine andere Währung hat: In der Außenpolitik vertreten sie meist „ähnliche Meinungen“, sagt Botschafterin Luostarinen.

Das Gespräch mit der Journalistengruppe kreiste um die gemeinsame und die je besondere Identität der nordischen Länder. Wie schon das Botschaftsgebäude symbolisiert: Sie verstehen sich als offene, pragmatische Gesellschaften, als Wohlfahrtsstaaten, die stolz sind, auch ihre Wirtschaftskrisen aus eigener Kraft zu überwinden, wie Finnland in den neunziger Jahren.

Bald schon verlagerte sich das Gespräch hin zu Fragen der Bildung. Warum stehen Finnland und die anderen nordischen Länder bei PISA so gut da? Weil mehr Geld investiert wird? „Nein, Geld ist nicht die Antwort“, meint die Botschafterin. Das Schulsystem produziere „mehr Gleichheit“. Die Gesamtschule hält die Schüler bis 16 Jahre zusammen, die Lehrer, obwohl schlechter bezahlt als in Deutschland, fühlen sich gesellschaftlich anerkannt und haben in der Unterrichtsgestaltung „viel Freiheit“.  

Schließlich die Frage nach der Atomkraft: Warum legt Finnland nicht wie Deutschland nach Fukushima den Rückwärtsgang ein? Die erstaunliche Antwort von Presseattaché Leo Riski, den seine vorgesetzte Botschafterin gleichberechtigt zu Wort kommen lässt:  Die Finnen vertrauen sehr auf ihre eigene Sicherheitstechnik und ihre Experten. Und sie sind sehr pragmatisch: Einmal im Konsens eine Entscheidung getroffen, wird sie nicht so schnell wieder umgestoßen. Ganz anders, war da herauszuhören, als in Deutschland nach Fukushima.

Den architektonischen Höhepunkt des Besuchs bildete ein Rundgang durch alle fünf Botschaftsgebäude, bis hin zum kleinsten: dem Islands mit acht Angestellten. Für wie viele Einwohner? Gerade einmal 300.000. Aber auch hier gilt: Island präsentiert sich gleichberechtigt, auf Augenhöhe mit den großen Nachbarn Schweden und Norwegen.

Als Abschluss der Exkursion gab es das Mittagessen in der botschaftseigenen Kantine - ab 13 Uhr ist diese täglich auch für Besucher geöffnet. Chefkoch Kenneth Gjerrud (er betreibt daneben das einzige norwegische Restaurant in Berlin http://www.munchshus.de/) kam auch noch vorbei und brachte mit seinen Erlebnissen als Norweger mit den anderen vier Kulturen und Essgewohnheiten noch eine ganz andere Geschmacks-Note in das Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der nordischen Länder. (15.03.2013, 

Michael Rediske
) 

 

Gemeinsam besuchten Journalisten von JVBB und DJV Berlin die Nordischen Botschaften (Foto: Detlef Baltrock, JVBB)
Die Architektur der Botschaften ist beeindruckend. (Foto: Detlef Baltrock, JVBB)
Der Presseattaché von Finnland, Leo Riski, und Botschafterin Päivi Luostarinen (Foto: Alexander Müller, DJV Berlin)

Interkulturelles Netzwerk trifft US-Botschafter Murphy

Das Interkulturelle Netzwerk des JVBB hat am 26. März  2012 in die US-amerikanische Botschaft zu einem Gespräch mit Botschafter Philip D. Murphy eingeladen – und der Erste, der seine Begeisterung zum Ausdruck brachte, war der Botschafter selbst. Denn der ehemalige Investmentbanker – 23 Jahre lang war Murphy bei der US-Bank Goldmann Sachs beschäftigt – zeigte sich angetan von der „Diversity“ der Netzwerk-Gruppe: Teilnehmer waren unter anderem die Koordinatorin des Netzwerkes, Minou Amir-Sehhi, die ehemaligen Round-Table-Gäste Mely Kiyak, Nourig Apfeld und Juan Moreno vom „Spiegel“, aber auch einige „biodeutsche“ Kollegen. Den Ausdruck „biodeutsch“ fand der Botschafter besonders großartig: er hatte ihn weder im Deutschen noch im Englischen je gehört.

Zu Beginn des Besuches des Interkulturellen Netzwerk in der US-Botschaft durften wir die schöne Terrasse in der US-Botschaft bewundern. Die Quadriga war zum Anfassen nah – und dann schloss der amerikanische Botschafter höchstpersönlich die Tür auf und das Gespräch begann. „In den USA haben wir fünf Millionen Einheimische und 307 Millionen Migranten," sagte der Botschafter und fügte hinzu, dass die US-amerikanische Seite vor allem die Frage nach der Integration von Migranten in Deutschland fasziniere: „Wie kommt die deutsche Gesellschaft, aber auch die deutschen Menschen da weiter? Aus einer ganzen Menge anderer Gründe haben wir in Amerika ähnliche Debatten. Manche Aspekte sind natürlich ähnlich, andere ganz unterschiedlich“, erklärte Murphy seinen Gesprächspartnern.

Das war übrigens einer der Hauptgründe, warum Botschafter Murphy das Interkulturelle Netzwerk zu sich eingeladen hatte: Er wollte gerne mit interkulturellen Journalisten über ihre Sicht auf die deutsch-amerikanische Politik sprechen. Wer als Journalist auf einen offiziellen Vertreter der USA trifft, kommt nicht umhin, über die Beziehungen der USA zu Israel und dem Iran zu sprechen. Murphy nahm darauf Bezug, gab aber keine wirklichen Neuigkeiten zu den brisanten politischen Themen preis.

Erstaunt sei er, dass er in seiner Amtszeit sage und schreibe drei Bundespräsidenten erleben konnte. Er war schon im Land, als Köhler noch oberster Staatsmann war, hat Wulff erlebt und erwartet auch von Gauck nur Gutes. Ansonsten gab sich Philip D. Murphy höchst professionell und sympathisch, vor allem seine Begeisterung für Fußball, die er übrigens mit seinen vier Kindern teilt, gab er den JVVB-Mitgliedern mit auf den Weg. Auf die Frage eines Mitglieds: „Gehen Sie heute zum ersten Mal zu einem Fußballspiel von Union?" antwortete er lachend:
Nein, das erste Mal diese Woche!" Dann verschwand er nach einer knappen Stunde Gespräch in dem edlen Quadriga-Saal in sein Arbeitszimmer. (Minou Amir-Sehhi) 27. März 2012

Der US-Botschafter Philip D. Murphy war von der Diversität der JVBB-Mitglieder begeistert. Zum Gruppenbild stellten sich alle auf der Terrasse der US-Botschaft auf. (© Thomas Grabka)
US-Botschafter Philip D. Murphy und Minou Amir-Sehhi vom Interkulturellen Netzwerk (© Thomas Grabka)
Gespräch am Runden Tisch im Quadrigasaal der US-Botschaft (© Thomas Grabka)