5. Mentoringprogramm

2015: Abschluss des Mentoringprogramms: Zu Besuch bei den Krautreportern

„Warum investieren in Deutschland die Zeitungen nicht richtig in Online-Journalismus – der Guardian macht doch vor, wie das geht!“ Sebastian Esser, Chefredakteur des Online-Magazins „Krautreporter“ wird emphatisch, wenn er die Zaghaftigkeit der allermeisten deutschen Verlagshäuser beklagt. Mit einer geplanten Crowdfunding-Plattform und einer Genossenschaft in Gründung versucht das kleine Team der „Krautreporter“ immerhin eine Online-Offensive auf Start-up-Niveau.

Zum Abschluss des einjährigen Mentoringprogramms von JVBB und DJV Berlin trafen sich Mentees, Mentoren und Organisatoren am vergangenen Mittwoch in der Redaktion der Krautreporter auf dem Prenzlauer Berg (Adresse: Kulturbrauerei,  Haus 1 Aufgang D, 1. Stock).

Die sieben Mentees dieses Jahres hatten sich das Online-Magazin als Gastgeber für ihr Abschlusstreffen ausgesucht, nachdem die Redaktionsbesuche der früheren Jahrgänge zu Stern und Tagesspiegel geführt hatten. Der Diskussion, unter anderem mit den Gründern Philipp Schwörbel und Sebastian Esser, war anzumerken, dass für die Nachwuchsjournalist/innen der DJV-Verbände die Frage nach der künftigen Finanzierung des Journalismus einen hohen Stellenwert hat. Die Diskussion reichte von der Relevanz der Klickzahlen über Experimente zur Nutzerbindung bis hin zum Verhältnis von Autoren und dem kleinen Redaktionsteam.

Mentees und Mentoren werden das Programm noch schriftlich evaluieren. Aber schon die Kurzberichte auf dem Treffen zeigten, dass große Zufriedenheit herrscht: Die Mentees fühlen sich gestärkt, unterstützt, haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Und in den meisten Fällen signalisieren die Paarungen, dass sie sich auch weiter treffen wollen– weil man sich auch persönlich gut verstanden hat und beide Seiten profitieren.

(15.09.2015) Michael Rediske

2015: Fachgespräch im JVBB: „Medialer Zündstoff: Der Umgang mit dem Islam“

Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke und Spiegel-Redakteurin Özlem Gezer diskutierten am Donnerstag beim JVBB die Frage: Wie berichtet man sensibel über den Islam? Und wie weit darf Religionskritik gehen? Die Moderation übernahm Tagesspiegel-Redakteurin Anna Sauerbrey. Organisiert wurde die Veranstaltung von den Mentees des vierten Mentoringsprogramms.

Die sogenannte "Scharia-Polizei" als "PR-Coup"

Ein paar Islamisten, die sich orangefarbene Warnwesten mit dem Aufdruck "Scharia-Polizei" anziehen und durch Wuppertal ziehen: Mehr brauchte es nicht, um im vergangenen September ganz Deutschland in Aufruhr zu versetzen. Die Nachricht der Salafisten-Patrouille zwang sogar Kanzlerin Merkel zu einer Reaktion.

Ein "PR-Coup" einer kleinen Gruppe sei das gewesen, sagte Spiegel-Redakteurin Özlem Gezer. "Da haben sich die Jungs einen Scherz erlaubt - und alle haben darüber berichtet."

Bei einem kontroversen Streitgespräch des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg zum Thema "Medialer Zündstoff: Der Umgang mit dem Islam" am Donnerstag, den 23. April, war sie sich hier mit Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke einig. Der Fall der "Scharia-Polizei" sei kein Beispiel für guten Journalismus gewesen. Statt die Hintergründe dieser Aktion zu erklären, hätten die Medien den Salafisten eine ungeahnte Aufmerksamkeit beschert.

Laut einer Bertelsmann-Studie empfinden 57 Prozent der Nicht-Muslimen in Deutschland den Islam als Bedrohung. Wie berichtet man vor diesem Hintergrund sensibel über den Islam? Und wie weit darf Religionskritik gehen? Dies waren die Fragen des Podiums, das Tagesspiegel-Redakteurin Anna Sauerbrey moderierte.

Gezer, die für den Spiegel in der Salafismus-Szene recherchierte, betonte, nur die wenigsten Journalisten hätten einen richtig tiefen Einblick gehabt. Viel zu schnell seien die jüngsten islamistischen Gewalttaten und Attentate direkt mit dem Islam in Verbindung gebracht worden. "Die einzige These ist immer die religiöse gewesen. Jeder konnte sich schnell drei Suren, die Gewalt belegen, aus dem Koran herausziehen", sagte Gezer. Dabei seien 90 Prozent der jungen Islamisten "theologische Analphabeten". Unter ihnen seien Jugendliche, "die 'Heil Hitler' rufen könnten, aber auch frühere RAF-Terroristen".

Kritik an Bundesinnenminister Thomas de Maiziere

Schwennicke sieht als Quelle des Terrorismus sehr wohl den Islam: Diese "nützlichen Idioten" würden doch von religiös verblendeten Führungspersönlichkeiten rekrutiert, sagte er. "Die reden ja nicht über Kochrezepte. Sondern über den Koran." Schwennicke wiederholte seine Kritik an Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der nach den Anschlägen von Paris behauptete, diese hätten nichts mit dem Islam zu tun gehabt. "Das war grotesk in seiner Wohlmeinung. Das kann kein Leitfaden für journalistisches Arbeiten sein." 

Gezer betonte, dass Medien beim Thema Islam immer wieder Klischees reproduzierten: "Journalisten haben Defizite bei der Analyse." Immer wieder sei in Berichten zum Islam vom "Heiligen Krieg" die Rede. Dabei würde dieser Begriff an keiner Stelle des Korans erwähnt.

Gezer: "Journalismus hat eine Aufklärungsaufgabe"

Auf Nachfrage von Moderatorin Sauerbrey, ob es als Journalist nötig sei, die Heilige Schrift der Muslime ganz zu lesen, sagte Gezer: "Man muss nicht das ganze Buch kennen, aber wissen, was 'Dschihad' noch bedeutet." Der Journalismus habe eine Aufklärungsaufgabe. "Man kann dem Leser auch etwas zumuten", forderte sie.

Schwennicke hatte in einem Kommentar zu den Charlie-Hebdo-Anschlägen (http://www.cicero.de/weltbuehne/attentat-frankreich-blutspur-im-namen-des-islam/58706) einst selbst eingeräumt, den Koran nie gelesen zu haben. Für einen Onlinekommentar sei das auch nicht nötig. "Das kann ich auch aufgrund des gesunden Menschenverstandes." Dennoch sei er "kein Vertreter des ahnungslosen Bemeinens", der gerade durch den Onlinejournalismus zugenommen habe. "Aber einen entsprechenden Hefttitel hätte ich natürlich nicht selbst geschrieben."

Schwennicke spielte auf eine Cicero-Ausgabe an, die auf dem Cover fragte: "Ist der Islam böse?" Die Zeile fand auf der Veranstaltung auch Kritik im Publikum. "Ein Titel ist dazu verdammt, etwas kurz zu fassen", rechtfertigte sich der Chefredakteur. "Verzerrung liegt in der Natur unserer Profession."

Er räumte ein, dass ein solcher Titel auch Beifall von der falschen Seite provoziere. "Aber soll ich das deswegen als Journalist nicht berichten?" Wer eine solche Frage unterdrücke, leiste dem "Lügenpresse"-Vorwurf der Pegida-Bewegung Vorschub. Dies sei ein "Dilemma in der Berichterstattung", sagte Schwennicke.

Özlem Gezer betonte, auch beim Spiegel habe es Beispiele für solche Titel gegeben. "Das sind auch Kaufentscheidungen."

In einem Punkt waren sich Gezer und Schwennicke am Ende aber wieder einig: Die Forderung einer Migrantenquote in den Medien sehen beide skeptisch. Genauso wenig, "wie Fußballer Fußballkommentare schreiben sollten", sollten Journalisten mit Migrationshintergrund als Anwälte ihrer Sache über Migrationsthemen schreiben, sagte Schwennicke. Gezer betonte, eine bessere soziale Durchmischung in den Redaktionen sei ihr viel wichtiger. "Der Dennis aus Neukölln kommt doch dort viel besser klar als ich."

(27.04.15) Petra Sorge

2015: "Generationen lernen voneinander": Halbzeit des Mentoring-Programms 2014/15

25.03.15 - Auch nach dem "Bergfest", der Halbzeit des einjährigen Mentoring-Programms von JVBB und DJV Berlin, soll es nicht bergab gehen. Vielmehr waren sich am Montagabend Mentees und Mentoren einig, dass sie auch in der zweiten Hälfte der Zeit voneinander lernen wollen.

Nacheinander zogen die anwesenden sechs "Tandems" fast euphorische Bilanzen. Die Mentees berichteten, ihre Texte hätten sich verbessert, das Selbstbewusstsein gegenüber Auftraggebern habe zugenommen, und auch vom Netzwerk ihrer Mentoren hätten sie profitiert. In einem Fall sei sogar ein gemeinsames journalistisches Projekt geplant. Aus dem internen Austausch sollen öffentlich keine Namen zitiert werden, aber auch die durchaus nicht unprominenten Mentoren betonten unisono, dass hier "die Generationen voneinander lernen können".

Gemeinsam haben sie in den vergangenen Monaten neben der bilateralen Arbeit in den Tandems eine Stilwerkstatt organisiert. Außerdem bereiten die Mentees zwei Abendveranstaltungen für die Mitglieder der beiden Journalistenverbände vor. Den Abschluss wird, wie schon in den ersten Jahren des JVBB-Programms, ein Redaktionsbesuch mit Diskussion bilden.

4. Mentoringprogramm 2014 - Auftakt

23. Sep. 2014 – Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg JVBB und der DJV Berlin haben ihr gemeinsames Mentoringprogramm für junge Journalist/innen gestartet. Die sieben „Tandems“ aus je einem Mentor und einem Mentee trafen sich am Montagabend zur Eröffnungsrunde des Programms, das über ein Jahr geplant ist.

"Die Förderung des journalistischen Nachwuchses ist eine zentrale Aufgabe", sagte der JVBB-Vorsitzende Alexander Fritsch. "Dieses Mentoringprogramm ist ein über die Jahre erfolgreicher etwas anderer Ansatz dazu." Bernd Lammel, Vorsitzender des DJV Berlin, ergänzte: "Die Mentees sind vorwiegend freie Journalistinnen, die heute keine betriebliche Förderung mehr genießen. Hier sehen wir eine besonders wichtige Aufgabe für den DJV in der Region."

Als Mentorinnen und Mentoren haben sich zur Verfügung gestellt: Georg Löwisch (Textchef „Cicero“), Prof. Dr. Verena Renneberg (Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, Berlin), Annette Rogalla (Kommunikationsberaterin), Prof. Dr. Hansjürgen Rosenbauer (Komm. Vorsitzender Medienrat Berlin-Brandenburg), Hermann-Josef Tenhagen (Chefredakteur „Finanz-Tip“), Heide-Ulrike Wendt (Chefredakteurin „Nitro“) und Matthias Zuber („polyeides Medienkontor“). Die sieben Mentees, bis 35 Jahre alt, sind Mitglieder der beiden veranstaltenden Verbände und arbeiten als Freie bzw. Redakteur/innen für Berliner und überregionale Medien.

Der JVBB hatte bereits seit 2008 ein Mentoringprogramm aufgelegt, das jetzt von beiden Partnerverbänden im Deutschen Journalisten-Verband gemeinsam fortgeführt wird.

Verantwortlich:
André Gählert (DJV Berlin)
Dr. Michael Rediske (JVBB) 

Gespräch mit Philipp Schwörbel in der Redaktion der Krautreporter auf dem Prenzlauer Berg (Kulturbrauerei). Foto: André Gählert.
Sebastian Esser über die künftige Finanzierung des Journalismus (Mitte), Foto: André Gählert
Foto: André Gählert