Fachforum Online-Journalismus

Veranstaltungen

18.10.14: Tagung "Besser Online 2014"

Panel "Immer auf Sendung: Mobile Media - Mobile Reporting", Foto: Frank M. Wagner
Twitterwall, Foto: Frank M. Wagner
Abschlusspodium, Foto: Frank M. Wagner

Am Samstag, dem 18. Oktober 2014, fand in Berlin die Jubiläumsveranstaltung der DJV-Tagung „besser online“ statt. Schwerpunkt der zehnten Ausgabe von #djvbo waren die  strukturellen Unterschiede zwischen Print- und Onlinejournalismus sowie die Diskussion erfolgreicher Erlösmodelle für Online-Publikationen.

Die thematische Breite der fast 20 Themenforen gliederte sich in die Kategorien Technik, Cashback, Trends, Praxis und die Google Corner. In seinem Eröffnungsstatement wies Wolfgang Blau, Director of Digital Strategy beim „The Guardian“, darauf hin, dass es keine Alternative zur Zusammenarbeit von Print und Online gebe, es aktuell aber noch an Mut fehle. Deutsche Verlage sollten nach Blaus Ansicht zudem nach europäischen Lösungen suchen, um ihre Chancen auf Erfolg wahren zu können. Außerdem wies Blau in seiner Keynote darauf hin, dass der „Feld-Wald-Wiesenjournalist“ ausgedient habe und stattdessen eine Spezialisierung und exzellentes Fachwissen nötig sei. Die Spezialisierung sei dabei für Online-Journalisten noch deutlich wichtiger als für Printkollegen, so Blau. 

Der Chefredakteur von sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger betonte, jeder Verlag müsse eine eigene Antwort auf die Frage finden, wie Print und Online zusammenfinden könnten.

SEO – Pflicht oder Kür?

Im Themenpanel „Technik“ referierte Jana Lavrov über das wichtige Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO). Lavrov, Vorstandsmitglied des JVBB und Online-Journalistin bei ZEIT online erklärte, dass SEO bereits bei der Konzeption von Webseiten und neuen Projekten mitgedacht werden sollte. Auch sei es wichtig, das Thema SEO für Journalisten und Redaktionen transparent zu machen. Es gehe nicht darum, im Verborgenen einige Stellschrauben zu ziehen, um das Ranking einer Webseite zu beeinflussen. Das Ziel von SEO für journalistische Produkte sei vielmehr, qualitativ hochwertige Inhalte sichtbar zu machen.

Bezahlsysteme im Netz

Ihre Bilanz über Bezahlsysteme im Netz zogen Christian Lindner von der Rhein-Zeitung, Ilija Matusko von der taz sowie Robert Coric von der Piano Media GmbH und Cosmin-Gabriel Ene (Later Pay GmbH) im Panel „Cashback“.

Lindner berichtete, die Rhein-Zeitung habe eine Paywall eingeführt, die zunächst allerdings von dreiviertel der Leser gar nicht gesehen worden sei, „weil wir befremdlich wenig Stammbesucher haben, weil Menschen unsere Cookies nicht akzeptierten und dann unter der Wall hindurchtauchten“. Deshalb habe man die Paywall im August 2014 deutlich erhöht, so dass es pro Monat nur noch zwei Texte gratis gebe. Ab dem dritten Text würden die Leser/Besucher der Rhein-Zeitung dann eingeladen, irgendeine Art von Rückbeziehung zur Zeitung aufzunehmen oder sich als Kunde zu identifizieren, zu registrieren. „Seitdem wir das gemacht haben, geht’s uns richtig gut, weil wir davon befreit sind, dass Texte möglichst viele Visits bekommen müssen und weil wir uns aus dem Blödsinnsrennen um möglichst große Reichweiten verabschiedet haben und weil wir jetzt beginnen können, Kundenbeziehungen erstmal wieder auch im Netz zu entwickeln“, erklärte Christian Lindner. Und ja, es gebe erste zarte Erfolge beim digitalen Verkauf des Contents: „Das geht, und wir fühlen uns dabei wunderbar!“

Ein anderes Konzept fährt die Tageszeitung taz: Sie hat 2011 die sogenannte „Pay-Wahl“ eingeführt und fordert damit die Nutzer auf, freiwillig so viel zu bezahlen, wie, wann und auf welchen Wegen sie dies möchten.

„Das klappt ganz gut und wir haben konstante Einnahmen über diese freiwillige Bezahlschiene, die einen Teil der Kosten von taz.de deckt und uns auch das Gefühl gibt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Ilija Matusko, Sitemananger bei der taz. Die monatlichen Einnahmen lägen aktuell im fünfstelligen Bereich, bei etwa 10.000 Euro. „Angesichts unserer Größe ist das eine recht stabile und wichtige Säule. Das hat natürlich nicht nur mit Kostendeckung zu tun, sondern auch damit, dass wir manchen Leuten das Gefühl geben, dass es sich lohnt, uns für den Wert des Journalismus an sich einen Unterstützungsbeitrag zu zahlen“.

Robert Coric von Piano Media betonte: „Es gibt Leute, die bereit sind, für Paid Content zu bezahlen“. Zugleich wies er darauf hin, dass aktuell zwischen 20 und 50 Prozent der Besucher einer Webseite keinen einzigen Artikel der Seite lesen würden. „Und die Leute, die die Paywall erwischen, sind im Regelfall zwischen sechs und zehn Prozent aller User. Das heißt über 90 Prozent bekommen davon gar nichts mit.“ Daher müsse man den User zunächst kennenlernen, damit man ein Produkt entwickeln könne.

Als Vertreter des Start-up Unternehmens LaterPay erläuterte Cosmin-Gabriel Ene das Konzept des Münchener Micropayment-Enablers. Die Firma hat eine eigenständige Technologie entwickelt, die es dem Anbieter digitaler Inhalte ermöglicht, Content schon ab 5 Cent zu verkaufen, ohne dem User eine Vorabregistrierung oder sofortige Bezahlung abzuverlangen. So sammelt der Nutzer webseitenübergreifend einen Betrag von 5,- Euro an, bevor er zum Bezahlprozess geleitet wird. „Wir setzen auf Vertrauen und wollen die Nutzung von Paid Content vereinfachen“, sagte Ene. 

Richard Gutjahr hat die Micropayment-Technologie von LaterPay sechs Monate lang getestet und ausgewählte Blogposts zu einem Preis zwischen 5 Cent und 149,- Euro verkauft. Gutjahrs Fazit: „Meine Leser haben gekauft. Seine Erfahrungen fasst Gutjahr in folgendem Blogbeitrag zusammen: http://www.gutjahr.biz/2014/10/laterpay-abrechnung/

Webradio, DAB+ & Co. – wie wir 2020 Radio hören

Bei den „Trends“ fand auch das Thema „Webradio, DAB+ & Co – wie wir 2020 Radio hören“, seinen Platz. Hier sprachen Marcus Eggert von detektor.fm und Ruben Jonas Schnell von Byte FM mit Inge-Seibel-Müller (LfM-Hörfunkpreis, Deutscher Radiopreis) und Moderatorin Sascha Fobbe (Radio RST) über die Entwicklung des Radios.

Mit Blick auf die klassischen Radioverbreitungswege über UKW erklärte Marcus Eggert, die Einstiegshürden für die Zuteilung einer UKW-Frequenz seien sehr hoch und erforderten etwa für den Bereich Halle-Leipzig eine Investitionsgröße von etwa einer Million Euro zum 1. Januar eines Jahres. Eggert, dessen Onlineradio detektor.fm in Leipzig beheimatet betonte, diese Summe sei allein für die Frequenzzuteilung nötig: „Davon ist dann noch keine Sekunde Programm finanziert“.

Inge Seibel-Müller erklärte, den Hörerinnen und Hörern sei es ohnehin egal, wie und wo sie das Radioprogramm hörten. Daher solle man eher über die Programme reden und sich fragen, wie die Verbreitung über das Internet das Programm unterstützen könne. Ganz so unwichtig fand Marcus Eggert den Technik-Aspekt jedoch nicht, schließlich solle es seiner Meinung nach zukünftig möglich sein, ins eigene Auto einzusteigen und dort mit einem Tastendruck ein Jazz- oder Sportprogramm auszuwählen.

Ein weiterer Diskussionspunkt der Veranstaltung war die fehlende Bereitschaft deutscher Provider, den Nutzern eine echte, mobile Flatrate bereitzustellen, die völlig unlimitierten Highspeed-Zugang zum Internet gewährleiste. Nur so sei es möglich, Online-Radio auch über einen längeren Zeitraum unterwegs zu hören. Der Hinweis eines Teilnehmers aus dem Publikum, ein Trafficvolumen von 5 GB sei doch zunächst ausreichend, fand sowohl auf dem Podium als auch beim restlichen Publikum keine Zustimmung.

Einig waren sich Podium und Teilnehmer bei der Feststellung, dass bei allen diskutierten Radioprojekten jeweils Journalisten das Programm nach journalistischen Grundsätzen erarbeiteten und dies von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des Programms beim Hörer sei.

Abschlusspodium

Das Abschlusspodium bei besser online 2014 beschäftigte sich mit dem Thema „Recherchefreiheit vs. Recht auf Vergessen – die Entscheidung des EuGH“. Die Moderation der hochkarätig besetzten Diskussionsrunde übernahm der Vorsitzende des JVBB Alexander Fritsch. Er begrüßte Ralf Bremer, Leiter Politische PR und Unternehmenssprecher Google Deutschland, die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die aktuell als Mitglied des Google-Beirats tätig ist, Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) in Kiel und Lorena Jaume-Palasi, Dozentin an der LMU München.

Leutheusser-Schnarrenberger schilderte ihre Arbeit im Google-Beirat und begrüßte das EuGH-Urteil zum „Recht auf Vergessen“ ausdrücklich. Jaume-Palasi war dagegen der Meinung, es gebe eher eine „Pflicht der Erinnerung“ als ein „Recht auf Vergessen“.

Google-Mann Bremer beschrieb aus Sicht des Konzerns durchaus nachvollziehbare, berechtigte Anträge, aber auch völlig unberechtigte Anliegen von Nutzern, die bei Google jüngst das Löschen bestimmter Suchergebnisse begehrt hatten. Die Nachfrage aus dem Publikum, ob die gelöschten Suchergebnisse denn auch in der amerikanischen Variante der Suchmaschine, also unter „google.com“, entfernt würden, beantwortet er ebenso deutlich wie kurz mit „nein“. Der Hintergrund ist klar: Urteile eines Gerichts binden grundsätzlich nicht nur die am Rechtsstreit beteiligten Parteien, sondern gelten zusätzlich auch ausschließlich im Geltungsbereich des urteilenden Gerichts, in diesem Falle eben gerade nicht in den USA.

Datenschützer Thilo Weichert forderte die Einhaltung des gesetzlich normierten Datenschutzes, der ja als „Grundrecht auf Datenschutz“ auch Bestandteil der EU-Grundrechtecharta sei. Außerdem wies er darauf hin, dass gute journalistische Recherche nicht im Internet stattfinde.

Frank M. Wagner
Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB)