Fachforum Print

Die Branche des Printjournalismus steht vor grundlegenden Veränderungen. Die Debatte über Qualität und Wert des Journalismus betrifft ihn in besonderem Maße, weil er derzeit den größten Umbruch erfährt. Ein Anzeichen sind stagnierende oder sinkende Anzeigenumsätze und Vertriebserlöse. Jedoch gibt es online und auf dem Tablet auch eine Reihe von neuen Möglichkeiten und Chancen, die interessante Impulse geben. Das JVBB-Fachforum Print will mit seiner Arbeit den Prozess beobachten, begleiten und beeinflussen.

Vorsitzender (komm.)

Aktuelles aus dem Fachforum Print

Archiv: Veranstaltungsberichte

01.07.2014: Radtour zum Redaktionsbesuch bei der MOZ

Der FA-Print im Papierlager der Druckerei der MOZ, Foto: Michaela Maria Müller
Am Sonntag, den 22. Juni 2014 startete die zweite Radtour der Fachausschüsse Print nach Brandenburg. Dieses Mal ging es nach Frankfurt in den Oderbruch. Foto: Michaela Maria Müller

Die Radtour der Fachausschüsse Print von JVBB und DJV Berlin begann in diesem Jahr an der Oder. In der Redaktion der Märkischen Oderzeitung (MOZ) in Frankfurt führte Redakteur Jens Sell durch die Räumlichkeiten der unterschiedlichen Schwerpunktredaktionen und erläuterte die Anlagen und Prozesse in der Druckerei.

Im Haus der Märkischen Oderzeitung in Frankfurt werden die Märkische Oderzeitung sowie die Anzeigenblätter Märkischer Markt und Märkischer Sonntag gedruckt. Die neue Druckmaschine aus Weingarten erlaubt einen durchgängigen Vierfarbdruck auf 32 Seiten der Tageszeitung bei einer Leistung von 30 000 Exemplaren in der Stunde. Beeindruckend war insbesondere die ingenieurtechnische Leistung bei Lieferung und Einbau der Anlage: Die Maschine wurde in vier Blöcke und 1000 kleine Dinge zerlegt und mit einem Kran durch ein vier mal vier Meter großes Oberlicht in die Halle gebracht, deren Boden für die 100 Tonnen Gewicht eigens neu betoniert und armiert worden war. Derzeit beginnt gerade die schrittweise Umstellung der ersten der zwölf Lokalausgaben auf den durchgängigen 4c-Druck. Eine zweite Maschine von 1994 erlaubt nur den teilweisen Vierfarbdruck und bleibt als Backup stehen.

Wie viele Regionalzeitungen hat die MOZ, die zur Südwest Presse in Ulm gehört, mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Dies spüren auch die Mitarbeiter am Standort Frankfurt. Die Geschäftsführung will die Personalkosten senken und stellt jede Abteilung auf den Prüfstand. Durch intelligente Schichtlösungen und Besetzungspläne sollen im Zusammenhang mit der Umstellung des Druckprozesses möglichst keine Drucker betriebsbedingt gekündigt werden. Der Betriebsrat hat insbesondere die Praxis, in der Redaktion freiwerdende Stellen nicht nach zu besetzen, mehrfach scharf kritisiert.

Im Anschluss an den Redaktionsbesuch ging es bei abwechselndem Regen und Sonnenschein in einer Berg- und Talfahrt auf dem Oder-Neiße-Radfernweg nach Lebus. Im Restaurant Oderblick entschädigte auf der Terrasse bei schönster Sonne das reichliche Mittagessen für die steile Anfahrt im Regen und mobilisierte die Kräfte für den Rückweg. 

(01.07.2014, Astrid Sonja Fischer) 

11.03.2014 - "Hostwriter" zu Gast

Tabea Grzeszyk von hostwriter (2. re.), Foto: Astrid Sonja Fischer

Am 11. März war Tabea Grzeszyk von den hostwritern zu Gast. Sie ist eine von drei Gründerinnen des Portals, das künftig Journalisten weltweit vernetzen soll. Sandra Zistl, Tamara Anthony und Tabea Grzeszyk, die sich von ihrer Arbeit aus dem Verein journalists.network kannten, beschlossen im September 2013 eine Plattform zu entwickeln, die einerseits als Couchsurfingportal, aber auch als Recherchetool für Journalisten zur Verfügung stehen soll. „Ich selbst nutze schon lang Couchsurfing-Portale und habe etwa bei meiner Arbeit im Libanon tolle Erfahrungen damit gemacht“, sagt Tabea Grzeszyk. „Jeder Journalist, der für eine Recherche ins Ausland geht, informiert sich ohnehin vorab bei Kollegen vor Ort, denen er vertraut. hostwriter soll eine Alternative sein.“

Der Aufbau einer Plattform wie dieser ist kostspielig und zeitaufwändig. Gefördert wurde die Entwicklung bislang durch das Vocer Innovation Medialab, die Hamburger Medienstiftung, die Rudolf-Augstein-Stiftung und mit einer kostenlosen Beratung bei der Anwaltskanzlei pro bono, die die Rechtsberatung, etwa die Ausarbeitung der AGB’s  – auch auf Englisch – übernahm. Rund 20.000 Euro flossen bislang in die Entwicklung, die die drei Journalistinnen ehrenamtlich neben ihrer Arbeit betreuen.

Ein besonders wichtiges Anliegen sei ihnen der Datenschutz, so Grzeszyk. Nach einer Stichwortsuche zu Themenschwerpunkten, Ländern oder Regionen, wird eine Kontaktaufnahme zunächst nur über ein Formular möglich sein; eine SSL-Verbindung und ein SFTP-Protokoll garantieren außerdem für die größtmögliche Sicherheit der Daten.

Die Beta-Version wird im Mai an den Start gehen. Zunächst wird eine Registrierung über einen Anmeldecode möglich sein, der über Partnerorganisationen verschickt wird. Partner sind etwa Reporter ohne Grenzen, Netzwerk Recherche und Freischreiber – allesamt Berufsverbände für Journalisten. „Da wir die Prüfung jedes einzelnen Profils nicht gewährleisten können, haben wir uns bei der Beta-Version für diese Variante entschieden“, so Grzeszyk. Mit dem DJV und dem IJP e.V. laufen derzeit Gespräche über Kooperationen.

Bis zum Start des Portals kann man der Entwicklung auf dem Blog hostwriter.org folgen.

Organisationen mit Interesse an Kooperationen können sich an Tabea Grzeszyk  (tabea(at)hostwriter.org) wenden.

(11.03.2014, Michaela Müller)

23.10.2013 - Lothar Müller: Die Epoche des Papiers

Michaela Müller moderierte die Veranstaltung mit Lothar Müller

Am 23. Oktober 2013 war Lothar Müller, Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und Autor des Buches „Weiße Magie. Die Epoche des Papiers“ zu Gast beim Fachausschuss Print. In seinem Vortrag erläuterte er, wie das Papier seinen Siegeszug in der westlichen Welt antrat und was der fortschreitende Verlust dieser Vormachtstellung im digitalen Zeitalter für den Tageszeitungsjournalismus bedeuten könnte.

Müller plädierte zunächst dafür, den Zusammenhang von Papier/Druckerpresse/Buch aufzulösen und das Papier als reines Trägermedium zu betrachten, das auf eine wesentlich längere Tradition zurückblickt als die Druckerpresse. Papier kann für unendlich viele Zwecke eingesetzt werden, etwa zur Herstellung von Ausweispapieren, Büchern, Geldscheinen, Scherenschnitten oder Urkunden, so Müller. Wird dieser Bedeutungszusammenhang aufgelöst, ergibt sich eine neue Perspektive, die auch in Analogie zu den Möglichkeiten der digitalen Medien erhellend sein kann.

Seit Beginn des digitalen Zeitalters tritt ein Merkmal am Printprodukt hervor, das vorher so nicht ins Auge fiel: Die Zeitungsseite ist abgeschlossen in Zeit und Raum. Da bei ihrer Produktion ein physischer Raum bewirtschaftet wird, kann nichts hinzugefügt oder weggenommen werden. Diese Eigenschaft steht im Gegensatz zu Möglichkeiten der digitalen Medien, etwa in einen Beitrag Musikstücke und Videos einzubetten.

Wenn das Papier seinen Hegemonialstatus verliert, wird sich auch der Journalismus neu definieren müssen, weil sich die Bedürfnisse der Rezipienten ändern. Im Sportteil hat dies bereits zu großen Veränderungen geführt. Da etwa am Montag die Ergebnisse der Bundesliga bekannt sind, werden Texte nicht mehr aktuell, sondern im Bewusstsein der Verspätung verfasst.

Der Onlinejournalismus befinde sich derzeit in einer Phase des Experimentierens mit neuen Formaten. Die Verweildauer entwickelt sich zunehmend zur neuen Währung und löst die in den vergangenen Jahren vorherrschende Fixierung auf Klickzahlen ab. Der Vielzahl der Möglichkeiten und dem vorherrschenden Aktualitätsdruck könnten eine Verknappung der Optionen und eine Entschleunigung folgen, was der Forderung nach mehr Qualität Vorschub leisten könnte, so Müller.

Das Medium Zeitung entstand Anfang des 17. Jahrhunderts durch die zunehmende Verflechtung von Periodizität und Aktualität. Die Periodizität entwickelte sich in der Neuzeit mit dem Ausbau des Postwesens im Deutschen Reich. Die Deadline der Ausgabe war die Abfahrtszeit der Postkutsche. Zeitungsnamen wie „Rheinische Post“ verweisen noch heute darauf. Im digitalen Zeitalter fällt jedoch durch die nahezu ständige Aktualisierung der Parameter Periodizität weg. Noch ist es schwer, eine Aussage darüber zu treffen, was das in Zukunft für publizistische Inhalte bedeuten wird. 

25.03.2013 - Julia Friedrichs: Zur Zukunft junger Journalisten

Julia Friedrichs mit Teilnehmer Markus Reichert (Foto: Astrid Sonja Fischer)

„Gegen das Verzagen. Zur Zukunft junger Journalisten“ lautete der Titel einer Diskussion mit der freien Journalistin und Autorin Julia Friedrichs, zu der sich Ende März junge Journalisten des JVBB und des DJV Berlin trafen. Dass die Arbeit junger Journalisten einen bestimmten Wert habe, war das wichtigste Credo, dass Friedrichs ihren jungen Kollegen mit auf den Weg geben konnte.

Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Sie arbeitet für den WDR und das Deutschlandradio, den „Stern“ und die „Zeit“. Als Autorin veröffentlicht sie Sachbücher, unter anderem „Gestatten, Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ (2008). In ihrer Rede „Gegen das Verzagen!“ auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche 2012 brachte sie viele Probleme junger Journalisten auf den Punkt.

Gleich zu Beginn der Diskussion griff eine Kollegin das Thema des Abends auf und fragte Friedrichs: „Waren Sie jemals verzagt?“ Friedrichs räumte ein, dass sie bei den Redaktionen einen guten Stand habe, doch gingen negative Erfahrungen von Kollegen auch auf sie über. Immer wieder sei es schwer, gegen die antrainierte Haltung „Sei froh, dass du dabei bist“ und die daraus resultierende Bescheidenheit anzukämpfen. „Es ist wichtig, dem Redakteur klar zu machen, zu welchen Bedingungen man arbeitet und transparent darstellt, welcher Arbeitsaufwand hinter dem einzelnen Auftrag steckt“, sagte Friedrichs. Man müsse dem Redakteur vermitteln, wie viel Zeit und Recherche zu veranschlagen sei, um einen bestimmten Qualitätsanspruch erfüllen zu können.

Verhandlungen über Honorare kosten Friedrichs Überwindung, jedoch scheut sie sich nicht davor, sich mit den Auftraggebern darüber auseinanderzusetzen. Die Aussage des Chefredakteurs der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, dass das Schreiben für die „Zeit“ eine Investition in die eigene Laufbahn sei, ließ Friedrichs nicht gelten. Man müsse sich immer wieder klarmachen, dass die Arbeit einen bestimmten Wert habe und über das Verhältnis von Qualität, Zeit und Geld nachdenken. Gute Ideen und originäre Themen treffen Friedrichs’ Erfahrung nach immer auf ein offenes Ohr. 

Für Printjournalisten sei außerdem der Schritt zum Radio nicht weit und der Einstieg einfacher als oft angenommen, was zwei Kollegen der Runde bestätigen konnten. Journalismus und PR seien durch ihre unterschiedlichen Funktionen für Friedrichs aber nicht vereinbar: „Man kann nicht am Montag aufklären und Dienstag verkaufen.“

Friedrichs arbeitet aus eigener Entscheidung als freie Journalistin. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches konnte sie eine finanzielle Rücklage bilden, die ihr heute ein gewisses Maß an Unabhängigkeit ermöglicht: „Ich habe zunächst meinen Lebensstandard nicht verändert. Als freie Journalistin ist es natürlich ein Stück Freiheit zu wissen, dass man eine gewisse Zeit überbrücken könnte.“ Der Anspruch ihrer Arbeit sei es, den Zuschauer dahin zu bringen, wo er allein nicht hingekommen wäre.

Beim Umgang mit den Protagonisten einer Reportage riet Friedrichs zu Offenheit. So frage sie vorab nach Ausschlusskriterien, etwa, ob ein geplanter Beitrag nur in einem bestimmten Medium erscheinen dürfe. Auch informiere sie ihre Protagonisten über das Stadium der Recherche. (25.3.2013, Michaela Maria Müller)

06.02.2013 - FA Print: Im Netz hat Lokaljournalismus Zukunft

JVBB- und DJV-Berlin-Mitglieder beim Stammtisch (Foto: Bernd Lammel)

Der Termin war ein Meilenstein auf dem Weg zur Fusion: Am Abend des 31. Januar 2013 trafen sich die Fachausschüsse Print des JVBB und des DJV Berlin zu ihrer ersten gemeinsamen Sitzung. Vor dem Hintergrund von Stellenabbau und Redaktionsschließungen stellte sich die Frage, ob die Lokalberichterstattung überhaupt eine Zukunft habe. Der Gastredner des Abends, Philipp Schwörbel der Netzzeitung „Prenzlauer Berg Nachrichten“, machte Mut und zeigte: Ja, Lokaljournalismus ist wichtig und wird gelesen. Aber die Formate ändern sich. Letztlich geht es darum, Wege zu finden, um guten Journalismus finanzierbar zu machen.
 
„Wir machen ganz normalen Lokaljournalismus“, sagte Philipp Schwörbel, Gründer und Geschäftsführer der Prenzlauer Berg Nachrichten. Nachdem sich die großen Lokalblätter vor einigen Jahren aus der Bezirksberichterstattung zurückgezogen hatten, wurde das Projekt ins Leben gerufen. „Wir bieten eine ‚echte’ Lokalzeitung - nur eben im Netz“, betonte Philipp Schwörbel. Im Januar wurde das Blatt, das ausschließlich über den Bezirk berichtet, mehr als 50.000 mal besucht. „Die meisten unserer Exklusivberichte werden von den Berliner Medien aufgegriffen“, so Schwörbel. Die Reichweite wird sich langfristig wie die Auflage einer ganz normalen Lokalzeitung entwickeln, meint Schwörbel. „Nähe, Nähe, Nähe ist unser Credo.“ Man berichte über das, über das andere nicht berichten.
 
Bei den „Prenzlauer Berg Nachrichten“ sind Werbung und Redaktion strikt getrennt, sagt Schwörbel. In der Redaktion arbeiten Profis, die honoriert werden, auch als das Projekt noch rote Zahlen schrieb. Nun finanziert sich die Zeitung über Werbung und einen „Freundeskreis“, deren Mitglieder freiwillig zwischen 18 und 60 Euro im Jahr bezahlen. Derzeit gibt es 15 Werbepartner. Promotionorientierte Werbeformen können noch nicht geleistet werden, dies werde man erst in einigen Jahren können. Er könne sich in einigen Jahren vorstellen, dass Sonderangebote von Geschäften oder die Tageskarten von Restaurants oder Fleischern in den Anzeigen beworben werden.

Schwörbel warb für mehr lokale Netzzeitungen und bot allen Kollegen Unterstützung an, die ähnliche Projekte planen. „Wir brauchen ein ganzes Netzwerk von lokalen Netzzeitungen, dann werden wir zu einer ernst zu nehmenden Kraft auf dem Medienmarkt.“ Um Kosten zu sparen, sollten sich solche Lokalprojekte miteinander vernetzten, denn „beim Startkapital ist die Technik der größte Batzen“, erläuterte Schwörbel.

„Kann so eine Zeitung auch in anderen Bezirken funktionieren?“, fragte eine Kollegin. Die Frage passt doch nicht mehr nach der Antwort im vorigen Absatz.„Wir bringen harte Nachrichten, das würde in anderen Bezirken auch funktionieren“, ist sich Schwörbel sicher. Bei der Werbung habe Mund-zu-Mund-Propaganda eine große Rolle gespielt. Außerdem habe man auf Facebook gesetzt. (6.2.2013, fis/mb/mmm)